Enthüllung einer Gedenktafel zu Ehren des herausragenden polnischen Geigers und Komponisten Karol Lipiński in Dresden.
14.09.2026
Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter polnischer und deutscher Institutionen,
lieber Daniel Hope,
meine verehrten Damen und Herren!
In Dresden zu sein, ist für einen Vertreter des polnischen Staates immer ein Vergnügen. Man stößt hier stets auf so viele Berührungspunkte zwischen Polen und Sachsen wie sonst in keiner anderen Stadt in Deutschland. Und, was die Freude noch größer macht, man findet hier sehr viele Referenzen der guten Beziehungen zwischen den beiden Gesellschaften.
Über Karol Lipiński zu sprechen, bedeutet eine Gelegenheit, uns die Verflechtungen zwischen unseren Nationen in Erinnerung zu rufen. Karol Lipiński gehörte zu jener Generation der herausragenden polnischen Menschen, die nach der Teilung Polens gegen Ende des 18. Jahrhunderts auf der Suche nach einer Möglichkeit, ihre Talente zu entfalten, durch Europa zogen. In dem bescheidenen Ort Radzymin Podlaski geboren, bekam der hochbegabte Lipiński als Sechsjähriger Violinunterricht – zuerst von seinem Vater Felix, dann von anderen Lehrern. Bald wurde er in das Lemberger Philharmonieorchester aufgenommen, das sein Vater dirigierte, und leitete dieses nach kurzer Zeit selbst. Wie Johann Strauss pflegte er mit der Geige in der Hand zu dirigieren.
Lipiński bereiste ganz Europa. Die Musikwege führten ihn von Lemberg nach Wien, Triest, Mailand, Berlin, Petersburg, Moskau, Paris, London, Manchester und Leipzig. Er nahm dort Unterricht und spielte auf den königlichen Höfen sowie in den besten Sälen der damaligen Musikwelt mit den Größten seiner Zeit:
So lernte er Louis Spohr, Robert Schumann, Franz Liszt kennen.
Manche Komponisten widmeten ihm ihre Werke. Anekdotisch wurde seine Rivalität mit Niccolò Paganini, dem wichtigsten Virtuosen der damaligen Welt. Geärgert von oft gestellten Fragen, wer der beste Violinist sei, soll Paganini einmal erwidert haben: „Ich weiß nicht, wer der Beste ist, aber Lipiński ist bestimmt der Zweitbeste“.
Paganini entschied, dass nach seinem Tode die acht bedeutendsten Geiger
je eine seiner acht Geigen bekommen würden. Als er 1840 starb, erhielt Lipiński ein Andrea Amati zugedachtes Instrument. Ich weiß nicht, ob Daniel Hope es heute spielen wird, jedenfalls besitzt er eine nach Lipiński benannte Geide aus der Werkstatt von Guarneri del Gesù.
Die meiste Zeit seiner Karriere als Musiker verbrachte Lipiński in Dresden.
Von 1839 an war er fast zwanzig Jahre lang Konzertmeister und Kirchenmusikdirektor – es war eine Stelle, die er dank König Friedrich August II. bekleidete. Während seiner Dresdner Jahre dirigierte er, komponierte und gab Unterricht. Krankheiten und fortschreitende Gehörprobleme zwangen ihn, 1858 den Posten zu verlassen. Drei Jahre später starb Lipiński auf dem Familiengut Urłów bei Lemberg.
Seine auf Virtuosität abzielende Musik wird heute nur noch selten gespielt, damals gehörte sie aber zum Repertoire der wichtigsten Violinisten.
Aus der Perspektive der polnischen Kultur kann man bedauern, dass Kunst- und Kulturschaffende wie Lipiński oder Chopin, der 1829 in Warschau einem der Konzerte von Lipiński beiwohnte, aufgrund der Teilungen Polens ihre Karriere fernab von der Heimat leben mussten. Heute würdigen wir sie für ihren Beitrag zur europäischen und globalen Kultur.
Dafür, dass wir heute in Dresden Karol Lipiński mit einer Gedenktafel ehren, will ich mich besonders herzlich bei der Stadt Dresden bedanken, vor allem bei Frau Annekatrin Klepsch, Bürgermeisterin für Kultur, Wissenschaft und Tourismus, sowie bei Herrn Gisbert Porstmann, Direktor der städtischen Museen. Ich danke sehr herzlich Frau Maria Noth als Leiterin der Stiftung Frauenkirche, dem polnischen Kulturministerium und dem Skulpturenzentrum in Orońsko für die Finanzierung und Erstellung der Tafel.
Ein besonderer Dank geht an Herrn Daniel Hope, dessen musikalische Laufbahn ihn aus Südafrika über England nach Dresden geführt haben und der heute Nachfolger von Karol Lipiński in der Dresdner Frauenkirche ist. Darüber hinaus werden wir dank ihm ein Musikstück von Lipiński auf dessen ehemaliger Guarneri-Geige von 1742 hören!