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Johannes Paul II. war seiner Zeit voraus

16.10.2020

Artikel von Kardinal Stanisław Dziwisz anlässlich des 16. Oktobers – des Jahrestages der Wahl des hl. Johannes Paul II. im Jahr seines 100. Geburtstages.

Kardynał Stanisław Dziwisz. Sekretarz papieża Jana Pawła II. Arcybiskup senior archidiecezji krakowskiej.

Johannes Paul II. war seiner Zeit voraus

 

Zu seinen Lebzeiten wurde Johannes Paul II. häufig vorgeworfen, er schaue stets zurück, verstehe die Gegenwart nicht und könne mit der Welt nicht Schritt halten. Sein Beitrag zum Sturz des Kommunismus wurde zwar geschätzt, man meinte aber, dass es ihm nicht gelungen sei, sich in der Zeit von Demokratie und Pluralismus auf dem globalen Markt der Ideen, auf dem für die Kirche dieselben Spielregeln wie für alle anderen gelten würden, zurechtzufinden.

Doch heute, 15 Jahre nach seinem Tod, wird uns klar, dass er die Wirklichkeit überaus scharfsinnig analysierte und Probleme, denen wir gegenwärtig die Stirn bieten müssen, sehr treffend vorhersehen konnte. Als das kommunistische System in Europa zusammenbrach, erlagen die Intellektuellen mehrheitlich einem um sich greifenden Optimismus und behaupteten, die Zeit großer politischer und ideologischer Konfrontationen sei zu Ende und der Welt stehe ein goldenes Zeitalter liberaler Demokratie bevor. Es war damals angesagt, vom „Ende der Geschichte“ zu sprechen.

Der Heilige Vater ließ sich von dieser Euphorie nicht täuschen. Er schrieb und sagte (man vergleiche etwa sein Buch Die Schwelle der Hoffnung überschreiten), dass der marxistische Kollektivismus nur die „schlechtere Variante“ eines umfassenderen Programms gewesen sei, welches das öffentliche Leben im Westen seit drei Jahrhunderten bestimme: Es beruhe im Kern auf der Beseitigung Gottes und der Religion aus dem öffentlichen Raum; die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeige aber, dass ein solcher Kampf nirgendwo dem Menschen gedient und viele Tragödien mit sich gebracht habe.

Spätere Ereignisse gaben Johannes Paul II. Recht: Er stellte nicht nur eine treffende Diagnose der die westliche Welt bedrängenden Probleme auf, sondern kannte darüber hinaus auch Gegenmittel. Seiner Meinung nach wird sich die Zukunft der Welt nicht auf Schlachtfeldern, sondern in Familien entscheiden und davon abhängen, wie wir die Beziehungen zu unseren nächsten Angehörigen gestalten. Die Erforschung der Familie als Phänomen erhob er daher zu einer wissenschaftlichen Disziplin. Seine Theologie des Körpers wurde zu einer vertieften, umfassenden und erprobten Antwort auf die gegenwärtig zu beobachtende Identitätskrise der menschlichen Geschlechtlichkeit und Sexualität.

Dieses Problem sieht man vor allem bei jungen Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden haben, denn die westliche Zivilisation von heute ließ die traditionellen Modelle der Initiation, d.h. des Übergangs zum Erwachsensein, fallen. Als erster Staatschef der Welt nahm Johannes Paul II. die Jugendlichen als eine gesonderte gesellschaftliche Gruppe wahr und wandte sich immer wieder allein an sie, indem er die wiederkehrenden Weltfriedenstage organisierte und sich während seiner Pilgerreisen in der ganzen Welt häufig getrennt mit jungen Menschen traf. Er unterstützte beim Aufwachsen eine ganze Generation, deren Väter abwesend waren und die im Leben keine Meister hatte, und zeigte ihr, dass das Wesentliche am Erwachsenwerden in der Suche nach der eigenen Identität und Berufung, nach Sinn und Ziel des Lebens besteht.

In Zeiten einer fortschreitenden Vereinzelung und gesellschaftlichen Anomie hob er die Solidarität als Hauptprinzip im Leben einer Gemeinschaft hervor. In seinen Augen stellte sie das gesellschaftliche Äquivalent für die Liebe dar; die Inspiration dazu gaben ihm die Worte des Apostels Paulus: „Einer trage des andern Last.“ Er verhalf uns zu der Einsicht, dass viele gesellschaftliche Tugenden im Evangelium wurzeln. Ihre Erneuerung verlangt deshalb unsere Rückkehr zu dieser Quelle.

Als philosophischer Grundsatz zum Ordnen seines Verhältnisses zu der Welt scheint ihm der Personalismus gedient zu haben, weshalb er sein Leben in erster Linie auf persönliche Relationen aufbaute – zuerst zu der Person Gottes, dann zu anderen Menschen. Eine solche Auffassung schließt jegliche Instrumentalisierung des Menschen, seine Ausbeutung zu wirtschaftlichen oder politischen Zwecken aus. Aus ebendieser Perspektive beurteilte Johannes Paul II. verschiedene gesellschaftliche und ökonomische Systeme: ob sie den Menschen nicht zum bloßen Produzenten bzw. Konsumenten herabsetzen.

Der so verstandene Personalismus des Papstes verweist auf die „Erste Person“, also auf Gott selbst, dessen bedeutendstes Merkmal das Erbarmen gegenüber seiner Schöpfung ist. Nicht zufällig bezeichnet das letztere eins der grundlegendsten theologischen und seelsorgerischen Motive dieses Pontifikates. Darauf macht Benedikt XVI. in seinem Brief zum 100. Geburtstag Johannes Pauls II. aufmerksam: Im Erbarmen sei der eigentliche Mittelpunkt zu sehen, aus dessen Perspektive man die in unterschiedlichen Texten dieses Papstes enthaltene Botschaft zu verstehen habe.

Auch aus den Worten, die Johannes Paul II. 2002 im Sanktuarium von Łagiewniki sprach, kann man Ähnliches herauslesen: „Aus der Tiefe des menschlichen Leidens auf allen Kontinenten scheint ein Ruf nach Erbarmen in den Himmel aufzusteigen. Dort, wo Hass und Vergeltungssucht herrschen, wo der Krieg Schmerz und Tod unschuldiger Opfer fordert, bedarf es des Erbarmens, das den menschlichen Köpfen und Herzen Linderung bringt und Frieden schafft. Wo es am Respekt für das Leben und die Würde des Menschen mangelt, bedarf es der erbarmungsvollen Liebe Gottes, die den unaussprechlichen Wert einer jeden menschlichen Existenz aufdeckt. Es bedarf des Erbarmens, damit im Glanz der Wahrheit alle Ungerechtigkeit auf der Welt ihr Ende findet.“ 

 

 

Kardynal Stanisław Dziwisz

Sekretär des Papstes Johannes Paul II. und emeritierter Erzbischof des Erzbistums Krakau

 

(Quelle: „Wszystko Co Najważniejsze”, 23/2020)

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